Abgründig, bizarr, fantastisch: Die von Mattias Fabian und Matthias Eckkrammer kuratierte Sektion huldigt dem europäischen Genrefilm in allen Facetten.
Dass Familie die Hölle sein kann, ist nicht gerade eine neue Erkenntnis im Kino: Das Gfrett mit der Verwandtschaft sitzt tief in seiner Genetik. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem, Individuum und Gemeinschaft bekanntlich fließend verlaufen und sich das traute Heim trefflich als Austragungsort für die Verhandlung gesellschaftlicher Normen, Strukturen und Machtverhältnisse anbietet. Dabei vermag kein anderes Genre patriarchalen Dynamiken so unverstellt lustvoll in die Weichteile zu treten, toxische Beziehungsdynamiken so sinnlich auszuweiden und verwandtschaftliche Konflikte mit so viel Gestaltungsfreiheit durchzuspielen wie der Fantastische Film.
Die lädt Nachtsicht heuer zur Familienaufstellung und zerlegt mit fünf höchst unterschiedlichen Arbeiten diverse Abhängigkeitsmuster: YÖN LAPSI von Hanna Bergholm (PAHANHAUTOJA, CE22) verbildlicht mittels Bodyhorror und Folklore die Innenperspektive einer Mutter, die sich nach der Geburt im Konflikt mit den eigenen Erwartungen und jenen ihres Umfelds wiederfindet. Indes packt Paul Urkijo Alijo (IRATI, CE23) in GAUA eine verbotene Liebesgeschichte in die Welt baskischer Mythen und jagt mit liebevoll zum Leben erweckten Zauberwesen übles Mannsvolk zum Teufel. Gábor Holtais ITT ÉRZEM MAGAM OTTHON erinnert im besten Sinne an den frühen Lanthimos und spiegelt mit einem repressiven „Familienkonstrukt“ reale autokratische Mechanismen. Den durch Ennui, Bequemlichkeit und Dekadenz eingeleiteten Niedergang einer obszön reichen Familiendynastie wiederum inszeniert Karim Aïnouz in ROSEBUSH PRUNING mit grotesker Komik und latent inzestuösen Vibes. Und dass selbst Blutsaugerinnen nicht vor Generationskonflikten gefeit sind, zeigt SILENCIO, in dem Eduardo Casanova (LA PIEDAD, CE23) mit Witz und Style Vampirmythologie mit der Stigmatisierung HIV-infizierter Menschen verknüpft. Am Ende all dieser Zwänge, giftigen Verhältnisse und Daddy/Mommy-Issues steht die Chance auf einen Neubeginn – oder zumindest die Erkenntnis, dass man sich Familie eben doch selbst aussuchen muss. (Matthias Eckkrammer & Mattias Fabian)
Die lädt Nachtsicht heuer zur Familienaufstellung und zerlegt mit fünf höchst unterschiedlichen Arbeiten diverse Abhängigkeitsmuster: YÖN LAPSI von Hanna Bergholm (PAHANHAUTOJA, CE22) verbildlicht mittels Bodyhorror und Folklore die Innenperspektive einer Mutter, die sich nach der Geburt im Konflikt mit den eigenen Erwartungen und jenen ihres Umfelds wiederfindet. Indes packt Paul Urkijo Alijo (IRATI, CE23) in GAUA eine verbotene Liebesgeschichte in die Welt baskischer Mythen und jagt mit liebevoll zum Leben erweckten Zauberwesen übles Mannsvolk zum Teufel. Gábor Holtais ITT ÉRZEM MAGAM OTTHON erinnert im besten Sinne an den frühen Lanthimos und spiegelt mit einem repressiven „Familienkonstrukt“ reale autokratische Mechanismen. Den durch Ennui, Bequemlichkeit und Dekadenz eingeleiteten Niedergang einer obszön reichen Familiendynastie wiederum inszeniert Karim Aïnouz in ROSEBUSH PRUNING mit grotesker Komik und latent inzestuösen Vibes. Und dass selbst Blutsaugerinnen nicht vor Generationskonflikten gefeit sind, zeigt SILENCIO, in dem Eduardo Casanova (LA PIEDAD, CE23) mit Witz und Style Vampirmythologie mit der Stigmatisierung HIV-infizierter Menschen verknüpft. Am Ende all dieser Zwänge, giftigen Verhältnisse und Daddy/Mommy-Issues steht die Chance auf einen Neubeginn – oder zumindest die Erkenntnis, dass man sich Familie eben doch selbst aussuchen muss. (Matthias Eckkrammer & Mattias Fabian)
