Garçon stupide

Stupid Boy

 
„Im Internet gibst du dich ja ziemlich geil. Ich will ja nicht altmodisch klingen, aber wo bleibt die Verführung?“ – Mit einem Kunstgriff lässt Lionel Baier seinen Spielfilm als Dokumentation beginnen, in der Lionel, das Alter Ego des Regisseurs, einen Strichjungen im Auto trifft. Der Autor im Gespräch mit seiner Figur, deren Motive er erforscht. Der Stricher Loïc betritt den Film als Klischee des Gay Pin-Ups, oberflächlich, eitel, und verlässt ihn als Persönlichkeit mit Zielen: ein Entwicklungsroman, ein liebevoller Akt der Kreation. Als visuelle Versuchsanordnung verhandelt Garçon stupide zugleich Begriffe wie Kunst und Natur: Baiers Handkamera rahmt den Körper von Loïc zwischen den Schaukästen eines Naturkundemuseums, bevor er ihn in die Berge entlässt. Während eines Erotik-Chats zeigt er Loïc als Objekt im Splitscreen, das Leuchten des Monitors mit seinen Reizworten als Abglanz fremden Begehrens auf dem Gesicht. Garçon stupide formuliert die Frage nach den Zwischentönen in einer Welt des Lärms: Gibt es etwas zwischen Hetero und Homo? Zwischen Freundschaft, Liebe und Sex? Zwischen so genannter Hochkultur und Porno? – Bei Baier jedenfalls verbirgt sich mitunter im Automatenlärm einer Spielothek ein Konzert von Rachmaninov, des letzten Romantikers der Klassik. (Maya McKechneay)

The stupid boy is called Loïc. Loïc, who is searching for what life forgot to leave to him before he became an adult. Loïc, who goes to bed with anyone, regardless of how and where. Loïc, who loves Marie far too much – or too little. Loïc, who makes the soccer player Rui his idol. One day even Loïc will try to devise a story for himself. (Maya McKechneay)

Lionel Baier, geboren 1975, dreht seit den Neunziger Jahren Filme und leitet seit 2002 die Filmabteilung der Kunsthochschule ECAL in Lausanne. Gemeinsam mit den befreundeten Regiekollegen Ursula Meier, die in seinen Filmen immer wieder kleinere Rollen spielt, und Jean-Stéphane Bron (Mais im Budeshuus) gilt er als Proponent einer jungen welschschweizer Filmszene. Lionel Baier lebt in Paris.
Tribute 2009
Lionel Baier
Schweiz / Frankreich 2004
94 Minuten
OmeU
Drehbuch Lionel Baier, Laurent Guido
Schnitt Christine Hoffet
Musik Sergej Rachmaninov
Mit Natacha Koutchoumov, Pierre Chatagny, Rui Pedro Alves
Produktion
Produzent Robert Boner Koproduktion Ciné Manufacture SA (FR) Saga Production